Happy Birthday, Wilfried Erdmann!

JOE_0512_klein

Ich weiß, wir müssten langsam mal wieder einen Blogeintrag über Land und Leute posten … Der Neubau der Website hat in den vergangenen Tagen so viel Zeit gekostet, dass wir da ein wenig hinterher hinken. Aber heute muss ich erstmal über einen Mann schreiben, der mein Leben wie kein anderer beeinflusst hat.

Wilfried Erdmann wird heute 75 Jahre alt.

Viele Segler glauben immer noch, wir wären verwandt – was ja wegen des gleichen Nachnamens auch sehr nahe liegt. Tatsächlich habe ich sogar Vorfahren in derselben Gegend, in der Wilfried im April 1940 geboren ist. Aber eine direkte Verwandtschaft ist uns nicht bekannt.

Deshalb begann meine Geschichte mit Wilfried auch erst im Frühjahr 1997. In der kalten, grauen Zeit zwischen Neujahr und Frühlingsbeginn, die sich immer so lang zieht. Heute helfe ich mir durch die Zeit mit der Vorfreude auf den Segelsommer. In meiner Familie konnte damals allerdings keiner etwas mit Segeln anfangen. Nur mein Onkel, der mal mit einem motorbootfahrenden Freund auf der Hanseboot gewesen ist und ein paar kostenlose Exemplare der YACHT mitgebracht hatte. Die habe ich dann im Alter von elf Jahren in seinem Keller gefunden und durchgeschmökert. Das, was darin beschrieben wurde, fand ich ziemlich cool: Auf dem Wasser unterwegs zu sein, schnell über die Wellen zu glitschen. Der Selbstbau einer Segger-Jolle war darin beschrieben, außerdem wie eine Rollwende in der Jolle funktioniert. Wahrscheinlich wäre ich also Jollen- oder gar Regattasegler geworden, wäre da nicht ein Buch dazwischengekommen …

In der Schulbibliotkek gab es etwa einhundert Meter Regale, alle dicht mit Büchern gefüllt. Dazwischen ein kleines Brett mit der Beschriftung „Segeln“. Ein Buch über Jollensegeln von Roland Denk stand darin, ein weiteres über die Basics der Navigation. Außerdem ein Buch aus der Hobbythek von Jean Pütz, das da wohl eigentlich gar nicht rein gehörte, aber den Bau eines kleinen Angelbootes beschrieb, … Und dann war da noch ein Buch mit dem Titel „Mein Schicksal heißt KATHENA„. Nanu … von einem Erdmann! Klar, dass mich das interessiert hat. Fahrtensegeln fand ich ja irgendwie auch cool. Aber zugleich war es „sehr weit weg“ für einen elfjährigen Schüler. Optisegeln oder irgendwann die erste eigene Jolle waren da greifbarer.

Trotzdem habe ich es ausgeliehen. Ich wollte wissen, was der Mann erlebt hat. Und grundsätzlich war ich erstmal baff, dass so etwas überhaupt möglich ist: Um die Welt zu segeln mit einem Boot, das so lang ist wie unser Wohnzimmer zuhause. Das Wohnzimmer wurde auch in den Folgejahren immer wieder zum Maßband verschiedener Schiffe, von denen ich las – ich hatte ja keine Vorstellung, wie groß ich mir so eine Fahrtenyacht vorstellen sollte.

Das Buch habe ich wie einen heißen Stein in meinem Rucksack nach Hause getragen. Es brannte förmlich darin, ich konnte kaum erwarten es wieder auszupacken. Am selben Abend noch hatte ich schon die ersten 100 Seiten des Buches geknackt. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor ein Buch derart lang am Stück in meiner Hand gehalten. Am nächsten Tag führte mich mein Weg nach der Schule dann auch direkt zum örtlichen Buchladen in meinem Heimatort Fallersleben, wo ich mir „Mein Schicksal heißt KATHENA“ bestellt habe. Das wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn ich hatte es ja für zwei Wochen ausgeliehen. Aber das reichte mir nicht. Ich wollte eine Ausgabe besitzen. Ich musste sie haben. Denn mir war auf den ersten 100 Seiten bereits klar geworden, dass das Buch mein weiteres Leben verändern würde. Das, was Wilfried dort alles erlebt hat. Die großen Seepassagen mit dem kleinen Boot, die fernen Länder und die großen Abenteuer. Das war es, was ich auch eines Tages erleben wollte.

Bis heute ist es das Buch, das mich am meisten beeinflusst hat. Wenn ich es aufschlage, bin ich plötzlich wieder der elfjährige Johannes, der die Segelwelt aus den Augen Wilfrieds entdeckt. Alles, was ich in den vergangenen zehn Jahren seit meiner ersten Atlantiküberquerung erlebt habe, ist dann kurzzeitig weg. Ich staune, träume, halte inne und genieße jede Seite.

Heute bin ich ähnlich alt wie Wilfried, als er von seiner ersten Weltumsegelung zurückkam und gleich im Jahr darauf nochmal mit Astrid aufbrach. Auch das verbindet. Ständig schauen wir in seine alten Bücher, lesen wo die beiden überall waren.

Bildschirmfoto 2015-04-15 um 09.01.14

Nach und nach habe ich in den Folgejahren die ganzen anderen Bücher verschlungen. „Segeln mit Wilfried Erdmann“ während einer Schülerfreizeit im Schullandheim. Von der Woche weiß ich nicht mehr viel, wer noch alles dort war und was wir für ein Programm hatten. Denn sobald ich etwas Zeit hatte, bin ich in meinem Doppelstockbett verschwunden und habe gelesen, als ginge es um mein Leben. Denn das tat es auch: Ich wollte lernen, erfahren, nacherleben. Und vieles von dem Wissen, das Wilfried sich im Laufe der Jahre angeeignet hat, stand dort drin. Für mich war der 500 Seiten dicke Ratgeber ein fesselnder Roman. Was für ein Geschenk für einen wissbegierigen Teenie.

Zu seinem Geburtstag ist es nun noch einmal aufgelegt worden. Hier ist der Link. Wirklich lesenswert!

Dann kam das Jahr 2000, Wilfrieds Website und die neue Reise. Die ganze Nonstopfahrt über habe ich jede Positionsmeldung in eine große Weltkarte über meinem Bett eingetragen. An die ersten Positionen bis Australien zu kommen, war gar nicht so einfach, denn zu Beginn der Reise hatten wir zuhause noch keinen Internetanschluss und ich musste jede Woche einen Mitschüler mit einem Schokoriegel bestechen, damit er mir die aktuelle Meldung ausdruckt. Später konnte ich mir dann ein eigenes Modem kaufen und war täglich up-to-date.

„Wir müssen nach Cuxhaven“, ein anderes Argument hatte ich damals nicht, als die Ankunft nahte. Genau so wie bei der Sache mit dem Buch. Die Ankunft lag auf einem Montag, also einem Werktag. Aber zum Glück mitten in meinen Sommer- und in den Wolfsburger Werksferien. Irgendwann stimmte Onkel Uwe dann zu. Er würde mit uns in seinem alten Bulli (7-Sitzer) einen Familienausflug nach Cuxhaven machen.

Aufgeregt lief ich den ganzen Vormittag auf der Mole auf und ab. Irgendwer von den anderen Fans und Gästen hatte Neuigkeiten, Wilfried sei in der Elbmündung gesichtet worden. Die Spannung stieg. Und dann war „Kathena Nui“ plötzlich zu sehen, mitten in einem Pulk anderer Yachten. Ganz klar zu erkennen an der grün-weißen Genua. Der Rest ist in meiner Erinnerung verschwommen. Die Ankunft war einfach phänomenal.

Nachdem die Presse ihre Geschichten auf Tonband und Kodakfilmen gesichert hatte, lichteten sich die Reihen auf dem Steg und ich traute mich einen Schritt näher an „Kathena Nui“ heran. Ein Fan nach dem anderen ließ sich ein Buch signieren. Ich hatte auch eines dabei. Neu wie aus dem Buchladen. Ich habe es extra für den Empfang gekauft und danach nie gelesen. Dafür gab es eine zweite Leseausgabe im Regal.

Jahre später saßen Wilfried und Astrid in meiner Kieler Studentenbude auf dem IKEA-Sofa, wir schwelgten über die Ankunft in Cuxhaven in Erinnerungen, da fragte Wilfried plötzlich: „Sag bloß, du hast dir damals auch ein Buch signieren lassen“ – ein Griff ins Regal und da war es. Signiert am 23. Juli 2001.

Zurück nach Cuxhaven. Ein Fan nach dem anderen ließ sich also sein Buch signieren. Ich hatte meines schon signiert unter dem Arm, wollte aber noch ein bisschen lauschen, die Nähe zu meinem Helden Wilfried und seinem fantastischen Boot auskosten. An der zweiten Relingsstütze von vorn stand ich, und versuchte so viele Details und Eindrücke wie möglich in mich aufzusaugen. Für einen Tag lang war ich in meiner Traumwelt, danach wieder für ein paar Jahre im Gymnasium, wo ich von diesen Eindrücken zehren würde. „Kathena Nui“ sah aus, wie frisch aus der Werft. Der starke, wunderschön geformte Alurumpf, die bunten Liros-Leinen, das schneeweiße, gesandete Deck.

Viel schneller als mir lieb war, ging der Empfang zu Ende. Wilfried, Astrid und Kym wollten sich auf den Weg in den Ort machen, Wilfried sprach von einem Steak der Größe „Windstärke 10“. Neben mir erkannte ich YACHT-Chefredakteur Jochen Rieker, meinen späteren Chef bei der YACHT. Ein Job, den mir Wilfried später vermittelt hat. Unglaublich, wie sehr er mein Leben geprägt hat. Dann kam Wilfrieds erster Schritt an Land, nach 343 Tagen auf See. YACHT-Fotograf Hans-Günter Kiesel schießt ein Foto, das später in der YACHT landet. Und wer steht da zufällig neben Wilfried? Der 15-jährige Johannes.

Immer wieder werde ich gefragt – und viel öfter noch wird es als selbstverständlich angenommen – ob wir verwandt seien. Klar, beide Langfahrtsegler, beide heißen Erdmann. Irgendwann hat Astrid mich als „Ziehsohn“ bezeichnet. Was für eine Ehre! Und es stimmt: Wilfried hat mir nicht nur durch seine Bücher den Traum von der See ins Herz gelegt, sondern auch nach der Rückkehr von der ersten Reise immer wieder Starthilfe gegeben. Was das Buch angeht (Astrid natürlich auch!), die Vorträge, meinen Job bei der YACHT. Er ist mir seglerisch, journalistisch und vor allem menschlich ein großes Vorbild.

Zu deinem 75. Geburtstag wünsche ich dir, und mit mir natürlich auch Cati und die ganze Wolfsburger Erdmann-Sippe, von Herzen alles, alles Gute. Außerdem Gottes Segen für die vor dir liegenden Jahre und noch ganze viele wunderbare Segelmeilen mit Astrid und „Kathena Nui“, dem schönsten Schiff der Welt.

Johannes

Bildschirmfoto 2015-04-15 um 09.01.35